Die 6 Geräte der Männer

Gerätebeschrieb Männer / Wie Übungen bewertet werden

Quelle: Webseite des Österreichischen Fachverband für Turnen.

Boden

Sonst_was_Tu_picto_bodenDie Wettkampfläche ist 12 x 12 m groß und besteht aus einer leicht federnden Unterkonstruktion mit einer darauf liegenden Turnmatte. Eine Bodenkür beinhaltet hauptsächlich akrobatische Elemente (Überschläge, Salti u.ä.), die mit gymnastischen Teilen, Kraft-, Gleichgewichts- und Beweglichkeitselementen sowie Handständen und choreografischen Verbindungen kombiniert werden. Alles zusammen soll eine harmonische und rhythmische Gesamtheit bilden, die innerhalb von höchstens 70 Sekunden auf der gesamten Fläche zu absolvieren ist.

Sonst_was_Tu_Guillermo_ALVAREZNoch in den 1970er-Jahren galten Doppelsalti am Boden als das Non-plus-Ultra, doch 1987 leitete der Russe Valeri Ljukin mit dem ersten im Wettkampf gelungenen Dreifachsalto rückwärts in eine neue Dimension über. Heute werden geschraubte Doppelsalti sogar schon im Top-Nachwuchsbereich solide beherrscht, obwohl der Trend eher bei der direkten Kombination unterschiedlicher Schwierigkeiten (Akrobatikverbindungen) liegt, als bei isolierten Mammutschwierigkeiten.
Bild: Guillermo Alvarez, USA, WM 2007

Pauschenpferd

Sonst_was_Tu_picto_pferdDas umgangssprachlich meist «Seitpferd» genannte Gerät heisst korrekter Weise «Pauschenpferd» nach den beiden Griffen («Pauschen») am Gerätkörper, ist 160 cm lang, 115 cm hoch und 35 cm breit.

Eine moderne Pauschenpferdübung ist charakterisiert durch Pendelschwünge (d.h. Spreizen und Scheren) und verschiedene Arten von Kreisschwüngen mit gespreizten und geschlossenen Beinen in unterschiedlichen Stützpositionen und auf allen drei Pferdteilen (Mitte, beide Enden). Schwünge durch oder in den Handstand mit und ohne Drehungen sind erlaubt.

Sonst_was_Tu_Hiroyuhi_TOMITAAlle Elemente dürfen nur schwungvoll und ohne jedliche Übungsunterbrechung geturnt werden. Kraft- und Halteteile sind nicht gestattet. Die Hände sind die einzigen Körperteile, die das Gerät berühren dürfen, die ganze Kür muss in gleichmässigem, kontrolliertem Rhythmus vorgetragen werden.

Vor allem für die Kampfrichter ist das Pauschenpferd wohl das schwierigste Gerät: Minimale Unterschiede in der Aufstützart der Hände am Pferd können z.B. bereits deutliche Wertteilunterschiede bewirken. Und die einzelnen Elemente folgen so rasch aufeinander, dass nur ein Profi sie korrekt beurteilen kann.

Bild: Hiroyuhi Tomita, JPN, WM 2007

Ringe

Sonst_was_Tu_picto_ringeEine Kürübung an den Ringen besteht zu etwa gleichen Anteilen aus Schwung-, Kraft und Halteelementen. Sie werden in ihrer Verbindung durch den Hang, durch oder in den Stütz, durch oder in den Handstand ausgeführt, wobei das Turnen mit gestreckten Armen vorherrscht. Übergänge von Schwung- in Kraftelemente oder umgekehrt prägen das moderne Ringeturnen. Das Schwingen und das Kreuzen der Seile ist nicht gestattet.

Die beiden Ringe selbst hängen im Abstand von 50 cm an Drahtseilen an einem 575 cm hohen Gerüst in einer Höhe von 280 cm. Die Niedersprungmatten für die Landung beim Abgang sind 20 cm dick.

Sonst_was_Tu_Jordan_JOVTCHEVGenügte es vor noch nicht allzu langer Zeit, zwei bis drei Kraftelemente (wie z.B. den Kreuzhang) mit guter Schwungtechnik abzuwechseln, werden heute oft mehrere höchstschwierige Kraftelemente direkt aneinander gereiht oder Schwungelemente sogar direkt in Krafthalten beendet. Daher können an den Ringen nur die allerkräftigsten Turner reüssieren.
Bild: Jordan Jovtchev, BUL, WM 2007

Sprung

Sonst_was_Tu_picto_sprungSonst_was_Tu_HambuechenJeder Sprung beginnt mit dem Anlauf sowie dem Absprung vom Sprungbrett mit beiden geschlossenen Füßen (mit oder ohne Radwende). Es folgt eine kurze Stützphase mit beiden Händen auf dem Sprunggerät. Der Sprung kann eine Drehung oder mehrfache Drehungen um die beiden Körperachsen (d.h. entweder Salti, Schrauben oder beides ineinander integriert) beinhalten. Der Sprung endet durch die Landung mit geschlossenen Beinen.

Zusätzlich zur technischen und körperhaltungsgemäßen Ausführung des Sprunges zählen auch die Höhe und Weite des Fluges nach dem Abdrücken vom Gerät für die Bewertung: Je höher und weiter, desto besser. Spitzenturner erreichen hinter dem Gerät Flugweiten von vier Metern und sogar mehr.
Bild: Fabian Hambüchen, GER, WM 2007

Barren

Sonst_was_Tu_picto_barrenDie Kürübungen am Barren werden von Schwung- und von Flugelementen dominiert, die durch verschiedenartige Übergänge durch Stütz- und Hangpositionen verbunden werden. Kraftteile sind erlaubt, aber nicht gefordert. Weiters müssen die Turner darauf achten, während ihrer gesamten Übung nicht mehr als drei Mal zu stoppen.

Sonst_was_Tu_Yann_CUCHERATJeder der beiden parallelen Barrenholme ist 350 cm lang, 200 cm hoch und mittelmäßig elastisch (Holz mit Kunststoffkern). Den Abstand zwischen den beiden Holmen können die Turner individuell wählen.

Die jüngere Vergangenheit erlebte gerade am Barren einen rasanten Entwicklungsschub zum «Turnen in jede Richtung». Nicht nur entlang der «Holmengasse», sondern auch quer, mit reckähnlichen Riesenfelgen, Flugteilen und Schraubenkombinationen wird heute am Barren geturnt.

Bild: Yann Cucherat, FRA, WM 2007

Reck

Sonst_was_Tu_picto_reckEine Reckübung muss eine dynamische Präsentation sein, die ausschliesslich aus fliessend verbundenen Drehungen, Schwung- und Flugelementen besteht, die abwechselnd stangennah und mit weitem Abstand zur Reckstange und in verschiedenen Griffvarianten ausgeführt werden.

Sonst_was_Tu_Epke_ZONDERLANDDas Gerät ist 280 cm hoch und 240 cm breit. Die 2,8 cm dicke Stange besteht aus bruchsicherem Edelstahl, was auch notwendig ist: Bei komplizierten Abgängen müssen vom Turner – aber natürlich auch vom Gerät – Zugkräfte bis zum Achtfachen des Körpergewichts gehalten werden.

In den letzten Jahren gewann das Reckturnen durch die Aufnahme von drei und mehr Flugelementen pro Übung (z.B. Doppelsalti zum Wiederfangen) noch mehr Artistik und Attraktivität.
Bild: Epke Zonderland, NED, WM 2007

Wie Übungen bewertet werden

Seit Jahresbeginn 2006 gelten weltweit radikal veränderte Wertungsvorschriften im Kunstturnen. Die frühere «Traumnote 10» («magic 10») als Absolutmass der Turndinge ist Vergangenheit. Jetzt sind Kürnoten nach oben offen und Rekorde werden möglich. Der Ausführungsqualität wird nun im Verhältnis zur Schwierigkeit deutlich mehr Bedeutung zuerkannt, als in den letzten Jahr(zehnt)en.

Nach den Vorfällen bei den Kunstturnbewerben der Männer anläßlich der olympischen Spiele von Athen 2004, kam die gesamte Sportart seitens des IOC wieder einmal massiv unter Druck. Der Präsident der FIG, Brundo Grandi, sah sich gezwungen, Reformen der Wertungsvorschriften in Gang zu bringen. Sein Reformeifer ging dahin, die Vorschrift transparenter, universeller und vor allem resistenter gegen Unkorrektheiten aller Art zu gestalten.

Ausgestattet mit dem Einverständnis des FIG-Exekutivkommittees beauftragte er die jeweiligen Technischen Kommittees mit der Ausarbeitung neuer Wertungsvorschriften. Wesentlichste Neuerung und somit Abschied von bisher gewohntem ist, dass die Endnote nun «nach oben offen» ist. Die Note setzt sich generell aus den Faktoren «Übungs-inhaltswert» (A-Note) und «Übungsausführung» (B-Note) zusammen. Die Summe aus diesen beiden Teilen ergibt die Endnote.

Das Bemerkenswerte an dieser Innovation ist, dass der Faktor der Übungsausführung gegenüber dem Inhaltswert extrem hoch in die Wertung eingeht. Dies rührt daher, dass Ausführungsfehler von der theoretischen Höchstmarke 10,00 abgezogen werden. Die «magische 10» scheint also zumindest in der Ausführung einer Übung noch auf. Der Übungsinhaltswert errechnet sich hingegen aus der Summe der 9 schwersten Elemente einer Übung plus dem Wert des Abganges.

Die Einstufung der Elemente erfolgt in 6 Stufen mit der Bezeichnung A bis F. Jedem Teil ist ein bestimmter Wert zugeordnet. Ein A-Teil erhält den Wert 0.1 Punkte, ein B-Teil 0.2 Punkte, ein C-Teil 0.3 Punkte, ein D-Teil 0.4 Punkte, ein E-Teil 0.5 Punkte und ein F-Teil 0.6 Punkte.

Zu diesen 10 Elementen einer Übung, die in Betracht gezogen werden, kommen noch Elementgruppenanforderungen. Wie schon im vergangenen Code de Pointage gibt es auch jetzt wieder an jedem Gerät 5 Elementgruppen (am Boden nur 4, da der Abgang nicht als solcher bezeichnet wird), die eine vielfältige Gestaltung einer Übung erzwingen sollen.

Für jede gezeigte Elementgruppe innerhalb der 9 schwersten Elemente werden 0,5 Pkt. zu den Elementwerten addiert. Man sieht schon, dass keine Mindestanforderung an die Schwierigkeit mehr gestellt wird. Auch mit einer leichteren Übung ist man in der Lage, durch eine abwechslungreiche Gestaltung für 4 Elementgruppen den Übungsinhaltwert um 2,0 Pkt. zu erhöhen. Eine Sonderregelung gibt es für die Elementgruppe V (Abgang). Hier erhält der Turner je nach Schwierigkeit unterschiedliche Zuschläge. Für Abgänge der Schwierigkeit A oder B gibt es keinen Zuschlag, für einen C-Abgang +0,3 Pkt. und für einen D-Abgang +0,5 Pkt. Zuschlag.

Als «besondere Raffinesse» darf eine Übung nur maximal 4 Elemente einer Elementgruppe enthalten. Das chronologisch betrachtete 5. und jedes weitere Element werden gestrichen.

Als letzte Möglichkeit, den Übungsinhaltswert zu erhöhen, gibt es Verbindungsbonus für die direkte Verbindung ausreichend schwieriger Elemente, allerdings nur an den Geräten Boden (direkte Verbindung beidbeinig abgesprungener Salti), Ringe (direkte Verbindung von Kraftelementen bei denen jeder Körperteil in eine höhere Position angehoben werden muss) und Reck (im Wesentlichen direkte Verbindung von Flugelementen).

Die zuletzt anlässlich der WM gezeigten Übungen erzielen nach dem neuen Berechnungsschema einen Übungsinhaltwert von durchschnittlich 5,7 Punkten. Man sieht daher das starke Übergewicht der Ausführung zugunsten des Inhaltes.

Um diesen Trend noch zu verstärken, wurden auch die Abzüge für Verstösse gegen technische, haltungmässige und kompositorische Anforderungen stark erhöht. Der «kleine» Fehler bleibt wohl bei einem Abzug von 0,1 Pkt., der «mittlere» Fehler wird aber schon mit 0,3 Pkt. bestraft und der «schwere» Fehler zieht nun überhaupt einen Abzug von 0,5 Pkt. nach sich. Ein Sturz mit 0,8 Pkt. Bestrafung (= äquivalenter Wert von 2 lupenreinen D-Teilen) wird nun überhaupt zur mittleren Katastrophe.

Der Grundtenor, «man darf im Wettkampf nur Elemente turnen, die man mit hoher Sicherheit und ausgezeichneter Ausführung beherrscht», zieht sich mehr denn je durch die gesamte Wertungsvorschrift.

Beispiel einer Männerübung

Elemente: A A D D C F A B D B D
Wert: 1 1 4 4 3 6 2 4 2 4 = 3.1 Pkt
Gruppen: II II III I IV I II III I V
Wert: 5 5 5 5 5 = 2.5 Pkt
Übungsinhaltswert = 5.6 Pkt
Übungsausführung: 10.00 – 1.80 = 8.2 Pkt
Endnote: 5.6 + 8.2 = 13.8 Pkt