Sport/Musik und Intelligenzentwicklung

Sport hält nicht nur fit, sondern macht auch schlau

Besonders Ausdauersportarten und komplexe Bewegungen helfen dem Gehirn beim Denken.

Für Kinder wie für Greise gilt: Der Mensch braucht Bewegung zum Denken.

«Ich wusste, dass Rudern klug macht», sagt Nicola Krusenotto. Die Lehrerin hat erst vor wenigen Monaten, mit Mitte 40, mit dem Rudern begonnen. Meist hat sie das Gefühl, noch vieles bei dem komplexen Bewegungsablauf falsch zu machen. «Man muss beim Rudern so viele Bewegungen koordinieren, das schafft bestimmt jede Menge neue Verbindungssynapsen im Gehirn.»

«Stimmt», erklärt die Sportwissenschaftlerin Sabine Kubesch. «Körperliche Bewegung stimuliert die Neubildung von Nervenzellen und fördert die für Lernvorgänge wichtige Bildung von Synapsen.» Das gilt besonders für Ausdauer- und Kraftausdauersportarten – egal wie alt der Sporttreibende ist.

Bis vor wenigen Jahren vertrat die Wissenschaft die Auffassung, die Entwicklung des Gehirns sei mit Ende der Wachstumsphase in der Jugend abgeschlossen und «sterbe» im Laufe des Lebens einen langsamen Tod ohne wesentliche Veränderungen, ganz zu schweigen von weiterem Wachstum. Heute weiss man: Die neuronalen Netze sind plastisch, das heisst, sie lassen sich bis ins hohe Alter verändern und entwickeln.

 

Bewegung machts aus.

Sport hilft den Nerven beim Wachsen, dies konnte auch in Tierversuchen gezeigt werden. So wurde festgestellt, dass Mäuse, die viel laufen, in ihrem Hippokampus neue Nervenzellen bilden. Diese Hirnregion ist etwa für das Lernen und Gedächtnis wichtig.

Sport tut sogar dem Nachwuchs gut. Mäusebabys, deren Mütter während der Schwangerschaft im Laufrad trainierten, hatten rund 40 Prozent mehr Nervenzellen im Hippokampus als die Nachkommen von Sportmuffeln. Die biologischen Prinzipien liessen sich durchaus mit dem Menschen vergleichen, betonen Hirnforscher. Fest steht, das Bilden neuer Nervenzellen und ihrer Verschaltungen ist gebrauchs- und aktivitätsabhängig und dient dazu, den Hippokampus ein Leben lang an veränderte Erfordernisse anzupassen.

«Untersuchungen zeigen auch, dass körperlich aktive Menschen besser vor Alzheimer und Demenz geschützt sind, als inaktive Menschen», erklärt Kubesch. Die Anzahl der neu gebildeten Nervenzellen lasse sich durch körperliches und mentales Training deutlich steigern. Diese Lernprozesse erhöhen im weiteren auch die Zahl der so genannten Wachtstumsfaktoren, die das Wachstum der Nervenzellen anregen.

Ausserdem erhöht Sport die Konzentration der Botenstoffe im Gehirn, mit deren Hilfe die Synapsen die Informationen weiterleiten. Das Denken wird effizienter. Beispielsweise steigt bei Ausdauerbelastung ab rund 30 Minuten der Serotoninspiegel im Gehirn. Der Gute-Lauen-Botenstoff sorgt für innere Ausgeglichenheit, Optimismus und Ruhe; ein Mangel führt zu einer manischen Überaktivität des Gehirns und steht mit impulsivem, antisozialem und aggressivem Verhalten und Depressionen in Zusammenhang.

 

Fitter im Gehirn.

Ebenfalls hat sich gezeigt, dass die nachwachsenden Neuronen im Hippokampus schnelleres Lernen ermöglichen als ältere Nervenzellen. «So weisen körperlich aktive ältere Menschen im Vergleich zu inaktiven Personen bei Gedächtnis- und Denkfähigkeitstests signifikant bessere Leistungen auf», erläutert Kubesch. Da die neugebildeten Nerven tatsächlich mit den bestehenden neuronalen Netzwerken verschaltet werden, spielten sie beim Wiedererwerb von durch Neuronenuntergang verlorenen Fähigkeiten eine entscheidende Rolle, so Kubesch. Sie weist darauf hin, dass Sport die kognitiven Fähigkeiten in jedem Alter fördere, wie eine Studie mit insgesamt 668 Grundschülern in Köln zeige. Die motorisch fitteren Kinder schnitten auch im Konzentrationstest signifikant besser ab.

Vom Kind bis zum Greis gilt: Der Mensch braucht Bewegung zum Denken. Kubesch empfiehlt für den Sportunterricht, aber auch Freizeitsportlern, eine möglichst vielseitige Sportumwelt.

 

Abwechslung bringts.

Ein häufiger Wechsel der Sportart von taktischen Sportspielen über Leichtathletik und Turnen bis hin zu unterschiedlichen Körperwahrnehmungen wie das Gleiten durch Wasser beim Schwimmen, durch Schnee beim Skilanglauf oder über die Tanzfläche im Rhythmus der Musik ist empfehlenswert.

Je komplexer der Bewegungsablauf, desto grösser der Trainingseffekt für das Gehirn, beispielsweise Rudern.

Margit Mertens
Basler Zeitung, 8.11.2006

 

Musik macht klug

Frühes Musizieren erhöht die Intelligenz. Das zeigen IQ-Tests bei Kindern, die regelmässig Gesangs- oder Klavierunterricht besuchen.

Kleine Einsteins fallen nicht vom Himmel. Zu diesem Schluss kommt E. Glenn Schellenberg, Professor für Psychologie an der University of Toronto in Mississauga.

Er konnte nachweisen, dass Sechsjährige nach einem Jahr Gesangs- oder Klavierunterricht beim Intelligenztest deutlich bessere Werte erzielten als Gleichaltrige, die keinen Musikunterricht genossen hatten. So erhöhten sechs Jahre Beschäftigung mit Musik den IQ um durchschnittlich 7.5 Punkte. Dies wirkte sich positiv auf die Schulnoten in Mathematik, Lesen und Rechtschreibung aus. Bei Studenten stellte Professor Schellenberg Ähnliches fest. Jene, die ohne Musikförderung aufwuchsen, hatten einen um zwei Punkte niedrigen IQ-Wert als ihre Studienkollegen mit Musikbildung.

Seine Erkenntnisse untermauert der Psychologe mit folgenden Argumenten: Musizieren zusammen mit Notenlernen stärkt die kognitiven Fähigkeiten des Kindes. Denn Wissen lässt sich leichter über sinnliche oder gegenständliche Erfahrungen abspeichern. Auch Hector Herzig, Präsident des Verband Musikschule Schweiz, befürwortet diese Studie: «Wer musiziert, wird emotional stabiler. Wer sich mit Musik beschäftigt, beflügelt die Fantasie und läutert den Geist.»

Albert Einstein spielte übrigens schon als Kind gern Klavier und Geige.

Anette Wolffram
Migros-Magazin Nr. 45, 6.11.2006

 

Dank Sport zu guter Mathe-Note

Wer als 11-jähriger viel Sport treibt, hat noch mit 16 Jahren bessere Schulnoten als körperlich weniger aktive Teenager.

Durch regelmässigen Sport können Teenager ihre schulischen Leistungen merklich verbessern. Es gebe einen Zusammenhang zwischen der Häufigkeit von Sport und den Schulnoten, heisst es in einer am Dienstag veroffentlichten Studie von Wissenschaftern der schottischen Universität Dundee. Besonders die Leistungen von Mädchen in naturwissenschaftlichen Fächern könnten durch körperliche Aktivitäten verbessert werden.

Die Forscher hatten fast 5000 11-Jährigen bis zu eine Woche lang den Grad der körperlichen Aktivität mit Beschleunigungsmessgeräten gemessen. Dann verglichen sie die schulischen Leistungen der Probanden, als diese 11, 13 und 16 Jahre alt waren, in den Fächern Englisch, Mathematik und Naturwissenschaften.

Die Teenager, die bereits als 11-Jährige vergleichsweise viel Sport trieben, hatten in allen Altersstufen in allen drei Fächern bessere Noten als die weniger Aktiven. Bis zum Alter von 16 Jahren verbesserten sich die Noten analog zu Steigerung der körperlichen Aktivitäten.

Je früher, je besser

Zudem stellte sich heraus, dass die Leistungen besser waren, je früher der Sport begonnen wurde. Bei den Jungen zeigte jede zusätzliche Sequenz von 17 Minuten Bewegung pro Tag Wirkung, bei den Mädchen genügten zwölf Minuten. Bei den Mädchen war der Effekt den Angaben zufolge in den naturwissenschaftlichen Fächern besonders gross. «Das ist ein wichtiges Ergebnis, vor allem im Lichte der aktuellen Politik in Grossbritannien und Europa, Frauen in den Naturwissenschaften zu fördern», erklärten die Autoren der Studie, die online im «British Journal of Sports Medicine» veröffentlich wurde.

Die Forscher berücksichtigten für ihre Auswertung der Fitness der Schüler auch andere Faktoren als den Sport, etwa ob die Mutter während der Schwangerschaft geraucht hat und ob bereits die Pubertät erreicht wurde.

Beate Kittl
Basellandschaftliche Zeitung, 23.10.2013